junger Mann in Kluft und nackt, obenrum Titel der Ausstellung

Kluft & Haut. 40 Porträts junger Menschen auf der Walz

Ein Foto-Kunst-Projekt von Benjamin & Dominik Reding

24. September – 27. Oktober 2019

Hiermit zeigt Museum Lüneburg eine Fotoausstellung über eine Tradition, die seit 2015 sogar zum immateriellen Weltkulturerbe der UNESCO zählt: Junge Menschen auf der Walz. Auch in Lüneburg als „Gesellenstadt“ sind die Wandergesellen und -gesellinnen gern gesehene Gäste, zum Beispiel im Rathaus, wo sie sich einen Stempel für das Wanderbuch und ein Handgeld abholen.

Die beiden Berliner Fotografen und Filmemacher und Brüder Benjamin und Dominik Reding nehmen eine ungewöhnliche Perspektive auf ein gleichsam traditionelles wie auch sehr modernes Thema ein.

Über das Foto-Kunst-Projekt schreibt der ehemalige stellvertretende Direktor des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt/M. Dr. Wolfgang Voigt:

„Die Baukunst unserer Zeit mit Porträts von Architekten erzählen: Unabhängig voneinander hatten eine Fotografin und ein Fotograf in den 1990 Jahren diese Idee und begannen entsprechende Serien aufzunehmen. Für Berlin schuf Udo Hesse eine Kollektion der für das Stadtgesicht maßgeblichen Architekten. Ingrid von Kruse unternahm weite Reisen, um die „Großen Architekten“ dieser Welt ins Bild zu setzen (Ausstellung im DAM 2012).

Die Architekten seien charakterstarke Persönlichkeiten und deshalb die berufenen Gestalter unserer Umwelt, das war die Botschaft dieser Serien. Allerdings hatte schon Bertold Brecht darauf hingewiesen, dass „das siebentorige Theben“ der Antike nicht von Königen erbaut worden sei: Nicht sie, und auch nicht die leitenden Baumeister, sondern Heere von Sklaven und Handlangern hatten „die Felsbrocken herbeigeschleppt“, damit Maurer und Steinmetze daraus eine Stadt errichten konnten. Unter dutzenden Bauberufen sind die Architekten auch heute nur eine kleine Minderheit.

Daran hatten sich die Filmregisseure Benjamin und Dominik Reding erinnert, als sie begannen, eine im Personal der Baustellen selten gewordene Gruppe ins Bild zu nehmen. Für ihr Projekt „Haut und Kluft“ luden sie die Zunft der bauenden Wandergesellen in ihr Studio. (…) Mit den aktuell noch etwa 500 wandernden Gesellen, die sich nach strengen Regeln für eine dreijährige „Walz“ verpflichten, ist im deutschsprachigen Raum eine uralte Tradition lebendig geblieben, die in der Vormoderne das Lernen und den Austausch von Erfahrungen über Grenzen hinweg sicherstellte.

Mit obligatem Knotenstock, Bündel, schwarzer Tracht und übergroßen Hüten sind die Wandergesellen schon im letzten Jahrhundert aufgefallen. Die Gleichzeitigkeit von Traditionspflege mit Ungebundenheit, Vagabundentum und gelebter Solidarität faszinierte besonders die linken Zeitgenossen. Der Architekturkritiker Adolf Behne hat über sie geschrieben, Hermann Hesse und Joachim Ringelnatz dichteten über sie, Walter Ruttmann ließ sie 1927 in seiner „Sinfonie der Großstadt“ auftreten. Auf den Baustellen des Neuen Bauens waren sie begehrte Mitarbeiter. Otto Dix und „Umbo“ (Otto Umbehr), der am Bauhaus geschulte Fotograf, setzten sie mit Pinsel und Kamera ins Bild. Der legendäre Foto-Porträtist August Sander integrierte sie mit einer Aufnahme in seinen Klassiker „Antlitz der Zeit“.

Fast ein Jahrhundert nach Sander sind die Redings einen Schritt weitergegangen; nicht nur, indem sie die Wandergesellen zum Thema einer eigenen Serie gemacht haben. Während Sander seine Modelle in ihrer Umgebung (Arbeitsplatz, Werkstatt, Wohnung, Landstraße) fotografierte, stellen die Redings die Gesellen vor einen neutral-weißen Hintergrund. Nichts soll vom Wesentlichen ablenken, von diesen Menschen, die während der Wanderschaft auf bürgerliches Leben ebenso wie auf Handy, Kreditkarte und Bankkonto verzichten. Man sieht sie in der archetypischen „Kluft“, die sie in einer Art Uniform vereint, die jedoch in vielen Details persönliche Merkmale erlaubt. Aus 84 Sessions und 5000 Aufnahmen filterten die Redings zwanzig großformatige Doppelporträts von leicht verringerter Lebensgröße.

Und nun die Überraschung, zu Zeiten von August Sander noch undenkbar: jedes dritte Porträt zeigt eine in die gleiche verpflichtende Kluft gekleidete Frau. Der Anteil der wandernden Frauen beträgt derzeit zehn Prozent, jedes Jahr werden es mehr. Zwischen jungen Zimmerern, Schieferdeckern, Bauschlossern, Maurern, Tischlern, Glasern und Steinmetzen sehen eine Bootsbauerin, eine Tischlerin, eine Zimmerin und eine Polsterin dem Besucher frontal in die Augen.

Der Projekttitel nennt auch die Haut, so dass zu jeder Frau und jedem Mann eine zweite Aufnahme in gleicher Haltung und Kluft-freier Nacktheit gehört. Hier ist nichts vom Klamauk der Karnevalssitzung, in der in unserer Zeit normale Männerhorden zum Gejohle des Publikums Hüllen fallen lassen. Wie bei den Architektenporträts sehen wir eine Galerie von Persönlichkeiten. Mit der oft mit kreativer Energie eigensinnig angepassten Kluft sehen wir die Männer und Frauen in der Tradition, rechts daneben im ungeschützten Hier und Jetzt, zierliche wie kräftige, mit Piercings, Tattoos und eigenwilligen Frisuren. Die Gesellen- und Gesellinnen-Wanderungen sind zugleich strapazenreiche „Rites-de-Passage“ vor dem Alltag im späteren Leben. Aus dem zwanzigfachen Akt strahlt die selbstbewusste Freiheit derer, die den Mut zu drei Jahren Ausnahme-Leben aufbringen.

Ort der Ausstellung:  Abt. „erinnern & erhalten”,  Eintritt 3 €, Wandergesell*innen in Kluft: Eintritt frei und ein Kaffee gratis

junger Mann in Kluft und nackt, untenrum

Zu den aktuellen Ausstellungen
Zum Ausstellungen-Archiv